Von Silke Nasemann (Bergische Blätter, 10/2004)
Bei der gemeinnützigen GmbH pro viel mit Sitz in der Wuppertaler Milchstraße am Arrenberg und einer Zweigstelle an der Farbmühle in Unterbarmen arbeiten seit 10 Jahren psychisch kranke Menschen in unterschiedlichen Werkstätten, um ihr (Arbeits-) Leben wieder in den Griff zu bekommen.
pro viel ist eine „Einrichtung zur Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben“.
So steht es in einem Faltblatt der Werkstatt.
Doch dabei geht es nicht nur um Rehabilitation nach einer psychischen Erkrankung, um ein nötiges soziales Auffangnetz für chronisch Kranke, um Anleitung und Betreuung, sondern vor allem auch um Arbeit.
Wer Mitarbeiter bei pro viel ist, muss auch Leistung bringen jeder seinem individuellen Leistungsvermögen entsprechend. Denn die Auftraggeber kommen aus der freien Wirtschaft. Größter Kunde ist der Kinderfahrzeughersteller Puky, für den bei pro viel Bremsen, Ketten, Lenker und Räder montiert werden.
Rund 60 Kunden gebe es im Umland, berichtet Geschäftsführer Michael May, darunter EDE, Delphi, Emka, Fahnen Herold und Knipex. Dabei geht es um Montagen, Zuschnitte oder auch schon mal das um Aussortieren fehlerhafter Ware. Damit mache man sich nicht zu Konkurrenz der hiesigen Wirtschaft, meint May.
„Nicht die Wirtschaft wird subventioniert, sondern der Mitarbeiter“, so Mays These.
Ausgangspunkt der Idee, die Integration und Rehabilitation psychisch kranker Menschen in Wuppertal zu fördern, war der Verein Forum, aus dem auch das noch unter diesem Namen bekannte Kulturzentrum hervorgegangen ist. 1994 gründete der Kaufmann und Sozialpädagoge May daraus die pro viel gGmbH als Werkstatt in den Bereichen Service und Produktion. Heute sind 220 psychisch Kranke in den Werkstätten beschäftigt. Mays Grundgedanke dabei “Die Menschen sollen ein Leben führen, das so normal wie möglich ist“. Dazu gehört, dass die meisten in einer eigenen Wohnung leben und täglich zur Arbeit kommen und nicht zur „Betreuung“. Gibt es Probleme über die Arbeit hinaus, gibt pro viel Hilfestellung bei der Suche nach geeigneten Ansprechpartnern- zumeist feste Kooperationspartner -. bieten die Hilfen aber nicht selbst an. Auch das gewährleistet den Mitarbeitern ein Stück Normalität.
Jeder psychisch Kranke aus Wuppertal, der eine Bewilligung von der Agentur für Arbeit erhält, kann bei pro viel einen Arbeitsplatz finden, sagt May. Dementsprechend finanziert sich die anerkannte Einrichtung auch durch die Bundesagentur für Arbeit und den Landschaftsverband Rheinland, wobei ein Drittel der Betriebskosten von pro viel selbst getragen werden müssen.
Wer zu pro viel kommt, ist meist schon lange keiner geregelten Arbeit mehr nachgegangen, weil die psychischen Probleme einfach zu groß waren. Ein langer Krankenhausaufenthalt ist da nur eine Variante als Grund für die Arbeitslosigkeit. Danach sofort wieder einen Einstieg in das Arbeitsleben zu finden, fällt besonders schwer. Die ersten drei Monate der bis zu 2-jährigen Rehabilitation stehen deshalb auch erst einmal unter dem Motto “Orientierung“: Was wurde bisher beruflich gemacht? Wo liegen darüber hinaus die eigenen Fähigkeiten? Wie sieht es mit der Kommunikations- und der Teamfähigkeit aus? Wo stehe ich? Wo will ich hin, wo muss ich besonders geschult werden?
Hilfestellung bei der neuen beruflichen Orientierung bietet ein Kurzzeitpraktikum, bei dem der pro viel Mitarbeiter erst einmal alle Bereiche der Werkstatt - Metall, Industrieservice, Küche und Hauswirtschaft sowie die Elektromontage kennen lernen soll. Daneben steht auch viel Theorie auf dem Programm, die die helfen soll, nicht nur die neue Arbeit durch Fachwissen, sondern auch das „Drumherum“ in den Griff zu kriegen. Das geht nach Ansicht von pro viel vor allem dann besser, wenn man etwa über die Gesundheitsreform und ihre Auswirkungen auf die Mitarbeiter oder über die Hilfsangebote in Wuppertal Bescheid weiß. Daneben werden auch sogenannte Basiskompetenzen vermittelt, die im Laufe einer psychischen Krankheit nicht selten auf der Strecke geblieben sind: Kritikfähigkeit, Pünktlichkeit, Konzentration und Ausdauer, um nur einige Beispiele zu nennen.
Hat sich der neue pro viel Mitarbeiter eingearbeitet und eine Vorliebe für die eine oder andere Abteilung entwickelt, folgt das Langzeitpraktikum, bei der es laut Werkstatt um die „Stabilisierung der Grundarbeitsfähigkeit“ gehe und berufsspezifische Fertigkeiten angeeignet werden können. Langfristiges Ziel: die Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.
Deshalb steht nach einem Jahr auch ein Bewerbungstraining auf dem Programm, ebenso wie eine Leistungserprobung, bei der getestet wird, ob der pro viel Mitarbeiter bereits (wieder) äußerlichem Druck gewachsen ist. Getestet werden kann das auch in der freien Wirtschaft, die Betriebspraktika anbietet. Zeitgleich geht die Unterweisung in Sachen „Selbstmanagement“ weiter: Was will ich im nächsten Jahr erreichen? Wie habe ich mich entwickelt? Wie sehen meine Rechte und Pflichten auf dem freien Arbeitsmarkt aus? Wie sind die gesetzlichen Rahmenbedienungen? Wie sehen Entlohnungssysteme aus?
Wer noch nicht dafür bereit ist, wird in den so genannten Arbeitsbereich von pro viel übernommen. Wie Susanne Wellner, Vorsitzende des Werkstattrates, die ihre Arbeit in der Werkstatt als einen ganz normalen Job ansieht. Sie arbeitet seit 9 Jahren bei pro viel – am Standort Unterbarmen in der Farbmühle, wo seit November 2003 ein wahrer „Puky-Standort“ von pro viel eingerichtet wurde. Sie kommt wie jeder andere Arbeitnehmer auch, „ganz normal“ zur Arbeit und nicht etwa mit einem Bus, wie es bei Werkstätten für Geistig- und Körperbehinderten der Fall ist. Auch den Namen der Werkstatt findet sie gut, weil er neutraler klinge als etwa „Lebenshilfe“.
Seit 1999 gibt es darüber hinaus bei pro viel das Angebot der Teilzeitarbeit auf 400-Euro-Basis. Denn die Möglichkeit einer zumindest stundenweisen Beschäftigung ist für viele chronisch Kranke oft die einzige Möglichkeit, überhaupt wieder erwerbstätig zu sei und wenigstens einen Teil des Lebensunterhalts selbst zu finanzieren. Derzeit arbeiten 75 Mitarbeiter in diesem Bereich. Im Gegensatz zum Reha- und Werkstattbereich sind die Mitarbeiter hier nicht sozial- und rentenversichert. Diese Arbeit kann – wie die im Werkstattbereich – bis zum Rentenalter durchgeführt werden, Ziel von pro viel ist es jedoch, die Mitarbeiter so weit zu bringen, dass sie auch eine Arbeitswoche mit mehr als 15 Stunden überstehen – also langfristig in den normalen Werkstattbereich eingegliedert werden können.