Behindertenwerkstatt mal anders

(Die Straße Nr. 165 Juli 2008)

  

Behindertenwerkstatt mal anders - proviel in Wuppertal 

 

Karsten Krippes 

 

Behinderte Menschen gehören zu den benachteiligten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt. Bei gleicher Qualifikation haben sie meistens schlechtere Vermittlungschancen als Bewerber ohne geistige oder körperliche Einschränkungen. Oft werden sie nur mit Tätigkeiten, die aus Karten malen oder Tüten kleben bestehen, in Verbindung gebracht. Dabei haftet diesen meistens ein schlechtes Image an, das letztendlich auch auf den Ausführenden, in vielen Fällen behinderten Menschen zurückfällt und diesen als reinen Hilfsarbeiter abqualifiziert.

Aber es geht auch anders. Wir haben die “proviel gGmbH", als Teil des Kompetenzverbundes des Bergischen Landes in Wuppertal, besucht, eine "Behindertenwerkstatt im nicht klassischen Sinne". Mit einer eindrucksvollen Bilanz für das Jahr 2007 hat sie zusammen mit den Werkstätten der Lebenshilfe im Bergischen Städtedreieck und in Wermelskirchen gezeigt, dass es nur darauf ankommt, das Potential dieser Menschen sinnvoll und behutsam zu nutzen sowie Blockaden abzubauen.

Frau Marion Möckel, Projektkoordinatorin bei "proviel" stand uns für die Beantwortung einiger Fragen zur Verfügung. Die gemeinnützige GmbH firmiert unter dem Namen „proviel" seit 1994 in Wuppertal, berichtet sie uns. Sie ging aus der 1988 gegründeten Werkgemeinschaft "Alfred Rexroth e.V.", einer Werkstatt für psychisch behinderte Menschen hervor. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Werkstattneubaus an der Milchstraße im August 1998 beschäftigte „proviel" 118 Mitarbeiterinnen, darunter auch 17 „Arbeit statt Sozialhilfe" - Kräfte. Im Laufe der Zeit sprach es sich schnell herum, dass allen Beteiligten das Arbeiten Spaß macht und so meldeten sich immer mehr neue Interessenten. Sie fanden bei „proviel" geeignete Arbeitsbedingungen vor. Im Jahre 1999 wurde mit Hilfe des Landschaftsverbandes, das auf zwei Jahre befristete „Zuverdienst-Projekt" eingerichtet, welches auch psychisch Erkrankten eine stundenweise Beschäftigung ermöglichte. Obwohl sich das Projekt bewährte, wurde es nicht weiterfinanziert und so entschloss sich proviel zur Weiterführung in Eigenregie. Dazu wurde die Produktionshalle eines benachbarten, ehemaligen Kunststoffbetriebes umgebaut, was durch Spenden und Kredite finanziert wurde. Im weiteren Verlauf wurde eine Lehrwerkstatt in den ehemaligen Räumen der „alpha-Betriebe" eingerichtet sowie neue Produktionsabteilungen in der Milchstraße aufgebaut, um den Wünschen der Industriekunden gerecht zu werden. Sie produzierten Papier und Pappe zu Verarbeitung von Druck- und Faltverpackungserzeugnissen und führten die Komplettfertigung bestimmter Typen von Kinderrollern eines bekannten deutschen Herstellers aus. Diese beiden Abteilungen verzeichneten schon nach kurzer Zeit so hohe Zuwächse an Aufträgen und Mitarbeitern, dass sie in benachbarte Hallen ausweichen mussten. Zusätzlich wurde noch eine Elektromontage eingegliedert. Schließlich wurde der Zulauf zur neuen Werkstatt an der Milchstraße so hoch, dass im Jahre 2005 ein Erweiterungsbau fertig gestellt wurde. Dabei war die Mitarbeiterzahl in der Gesamtwerkstatt bereits auf 400 geklettert. Damit hat sich „proviel" in die Lage versetzt, den in Wuppertal vorhandenen Bedarf an Rehabilitations- und Arbeitsplätzen für chronisch psychisch kranke oder psychisch behinderte Menschen abzudecken.

„proviel" steht für „für Viel". Dies soll ein Leistungsangebot widerspiegeln, das die Gesellschaft anbietet. Als Firmenphilosophie gibt Frau Möckel an, "der Betrieb mit sozialer Sorgfalt" zu sein. Zur Zeit setzt sich die Belegschaft aus 720 Mitarbeitern zusammen, davon sind 200 in Projekten der Arge und der Stadt Wuppertal, welche im Bezug von SGB II sind. Einhundert Mitarbeiterinnen befinden sich in einem so genannten "Zuverdienst-Projekt", das sind Menschen, die keinerlei Finanzierung mitbringen. Der Rest der Mitarbeiter kommt über die berufliche Rehabilitation in die Behindertenwerkstatt. Diese bekommen anschließend einen Dauerarbeitsplatz. Alle Arbeitskräfte werden von Fachpersonal begleitet. Dies sind überwiegend Menschen mit Erstberuf aus dem Handwerk und zusätzlicher Qualifikation als Ergotherapeuten oder Fachkräfte für Arbeits- und Berufsförderung. Die Wuppertaler Gesellschaft beschäftigt fast ausschließlich Behinderte mit psychischen Erkrankungen, vereinzelt auch mit zusätzlichen körperlichen Behinderungen, wobei die psychische Erkrankung im Vordergrund stehen muss.

Als Kunden, die bei "proviel" fertigen lassen, gibt Frau Möckel zahlreiche Industriebetriebe des Mittelstandes aus der Bergischen Region an. Ein bekannter Kinderfahrzeughersteller zum Beispiel, lässt seine Roller komplett bei "proviel" zusammenbauen. Dabei müssen sie höchsten Sicherheitsanforderungen entsprechen. In der sehr gut ausgestatteten, hochtechnisierten Metallabteilung werden zahlreiche unterschiedliche Metallteile auf modernen computergesteuerten Bearbeitungsmaschinen gefertigt. Die Programmierung wird von erfahrenen Fachkräften übernommen und die Behinderten bedienen diese dann im Anschluss. "Das breite Spektrum der angebotenen Dienstleistungen reicht von der Essensherstellung für Frühstück und Mittag in der eigenen Großküche über einfache und komplizierte Montagen bis hin zur Fertigung von Metallbauteilen".

Wir fragen die Projektkoordinatorin, ob sich proviel als eine Art Auffangbecken für Menschen sieht, die durch das normale Raster hindurchfallen. Darauf entgegnet sie uns, dass die zukünftigen Mitarbeiter oft ihre Leistung nicht so einschätzen, dass sie arbeiten können. Sie sieht eine der Stärken von "proviel" darin, "die Menschen dort abzuholen wo sie stehen und sie ein Stück auf ihrem beruflichen Weg zu begleiten. Sie dabei zu qualifizieren um dann eine Entscheidung möglich zu machen, dass sie sich auf dem ersten Arbeitmarkt orientieren können."

Den Grund für den Erfolg der gemeinnützigen Gesellschaft sieht Frau Möckel darin, "dass sich proviel immer um so genannte Grauzonen gekümmert hat. Alles, was scheinbar nicht geht, geht bei uns schon. Jeder, der arbeiten möchte kann bei proviel in der Regel innerhalb einer Woche eine Beschäftigung finden." So sei es auch für die Firmen effektiver, in Wuppertal montieren zu lassen, bevor sie Container nach Asien verschiffen, um den Inhalt dort zusammen bauen zu lassen. "Wir sehen zu, dass der Mensch mit seinen Fähigkeiten die Arbeit, die er verrichtet gerne macht und Spaß bei der Tätigkeit hat, denn wer Spaß, hat ist auch erfolgreich."

Die Frage, warum es sich lohnt, einen Auftrag an "proviel" zu vergeben, beantwortet Marion Möckel damit, "dass proviel ein zertifiziertes Unternehmen ist worüber die gewünschte Qualität gewährt werden kann, die der Kunde haben möchte." Weiter führt sie 'ein hohes Maß an Flexibilität an, sowie die hohe Zahl an zur Verfügung stehenden Arbeitsstunden, um so auch innerhalb kürzester Zeit auf Kundenwünsche eingehen zu können. Der Verbund der Bergischen Werkstätten mit insgesamt knapp 3000 Mitarbeitern macht es Möglich, auch einen großen Auftrag anzunehmen und diesen zu stückeln, wobei nur eine Werkstatt die Koordination übernimmt.

Für das Wohlbefinden der Mitarbeiter seien aufgeräumte, klare und wohlstrukturierte Arbeitsplätze wichtig. So ist "proviel" nicht nur nach ISO sondern auch nach den Richtlinien des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zertifiziert. Im Haus

befindet sich eine Gesundheitsförderung, die sich ausschließlich darum kümmert, dass der Arbeitsplatz möglichst "gesund" ist. Weiter steht eine Physiotherapeutin zu Verfügung. "Ein wesentlicher Bestandteil ist, dass man an seinem Arbeitsplatz gerne arbeitet und sich wohl fühlt." Die eigene Kantine bietet täglich Frühstück sowie wechselnde warme Gerichte an, was für viele Menschen die einzige warme Mahlzeit am Tag ist. Frau Möckel gibt an, dass auf die Qualität des Essens sehr viel Wert gelegt wird, "denn das ist das Einzige, was wir

 

unseren Mitarbeitern geben können, ohne dass es von anderer Stelle wieder abgezogen wird.

Als weitere Pläne für die Zukunft entsteht in der "Farbmühle" in Unterbarmen eine neue Werkstatt, die dem ständig wachsenden Bedarf gerecht werden soll. Die Fertigstellung ist für den Sommer 2009 geplant und wird weiteren 350 Menschen eine Beschäftigung bieten. Ein Schwerpunkt, so berichtet uns Frau Möckel, wird auch die Bildung sein. Das derzeitige interne Bildungskonzept, welches bisher nur auf Tätigkeiten innerhalb von "proviel" ausgerichtet ist, soll so erweitert werden, dass es auf die externe IHK-Prüfung vorbereitet. Weiter wird "proviel" Anbieter im Rahmen des "Persönlichen Budgets" werden, einer Leistungsform für Behinderte, die im neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) geregelt ist. LeistungsempfängerInnen von den Rehabilitationsträgern können anstelle von Dienst- oder Sachleistungen zur Teilhabe ein Budget wählen. Hieraus bezahlen sie die Aufwendungen, die zur Deckung ihres persönlichen Hilfebedarfs erforderlich sind. "Dies Eröffnet für "proviel" die Möglichkeit, Arbeit und Bildung anzubieten, für Menschen die sonst keinen Zugang dazu hätten."

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Aktualisiert am: 06.10.2011