Die verlängerte Werkbank

ProFirma (September 2007)

 

 

Immer mehr Mittelständler arbeiten mit Behindertenwerkstätten zusammen - zum beiderseitigen Nutzen. Die Palette der Leistungen reicht von einfachen Tätigkeiten wie Verpacken und Konfektionieren bis zu anspruchsvollen Aufgaben in der Metallbearbeitung.

 

 

Von Norbert Jumpertz

 

 

Ohne die Zusammenarbeit mit Behindertenwerkstätten hätte auch für uns Deutschland als Produktionsstandort schon längst ausgedient", stellt Ralf Puslat, Geschäftsführer Vertrieb und Marketing des Kinderfahrzeugherstellers Puky. nüchtern fest. Der Mittelständler (100 Mitarbeiter) bekommt trotz gutem Markenimage immer stärker den Druck von Billigimporten aus Fernost zu spüren: .Über 90 Prozent der Produkte in unserem Bereich kommen aus China." Aber Puslat hat einen Trumpf in der Hinterhand - die Kooperation mit Behindertenwerkstätten. Und die hat bei Puky Tradition. .Bereits vor 30 Jahren haben wir dort Komponenten fertigen lassen", erklärt Puslat. Im Lauf der Zeit hat sich das Verhältnis professionalisiert: Bei Puky erfolgt die Vorfertigung, die Endmontage erledigen Behindertenwerkstätten wie die Wuppertaler Proviel. Das spart Geld. Puslat verrät nur so viel: .Dieser Kostenrnix ermöglicht es uns, in Deutschland zu bleiben und die Produktion nicht nach Fernost oder Osteuropa verlagern zu müssen." Offensichtlich ein zukunftsweisendes Konzept. Puky ist nämlich kein Einzelfall. .Eine wachsende Zahl von Mittelständlern hat inzwischen erkannt, dass die Zusammenarbeit mit Behindertenwerkstätten eine Alternative zum Abschied vom Standort D ist", erklärt Proviel-Geschäftsführer Michael May. Die Palette der Serviceleistungen reicht von einfachen Tätigkeiten wie Verpacken und Konfektionieren bis zu anspruchsvollen Aufgaben wie der Metallbearbeitung mit modernsten CNC-Maschinen oder der kompletten Endmontage beispielsweise bei Puky-Kinderrollern. Neben Puky zählen zum Beispiel der Beschlagteilehersteller Emka sowie der Nutzfahrzeughersteller Happich zum Kundenkreis von Proviel. .Wir sind die verlängerte Werkbank von mehr als 60 Firmen rund um Wuppertal", sagt May stolz. Die Auftragsbücher sind rappelvoll, nicht nur bei Proviel. Bundesweit gibt es nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen mehr als 650 Einrichtungen wie Proviel, die an fast 260.000 Arbeitsplätzen ein Auftragsvolumen von etwa zwei Milliarden Euro pro Jahr erledigen.

 

Nur Qualität zählt. .Wer unsere Montagehalle betritt, wird in punkto Ausstattung auf den ersten Blick keinen großen Unterschied zu einem gewöhnlichen Industriebetrieb feststellen", so May. Denn auch bei Proviel werden die Maschinen von qualifizierten Mitarbeitern bedient. Anders als ein normales Unternehmen braucht der Betrieb aber dabei nicht auf die Lohnkosten zu achten. Denn die trägt zum größten Teil der Staat. Die meisten Mitarbeiter absolvieren eine von der Deutschen Rentenversicherung oder der Agentur für Arbeit geförderte Reha - Maßnahme. Manche haben bei Proviel aber auch gewissermaßen den Job fürs Leben gefunden. wie zum Beispiel Susanne Wellner (siehe Kasten S. 82). Eine wachsende Zahl von Menschen kommt mit dem stetig steigenden Produktivitätsdruck in der Arbeitswelt nicht mehr zurecht". sagt May. Bei Proviel gibt es diesen Druck nicht. Es ist egal, wie viele Mitarbeiter für eine Tätigkeit eingesetzt werden. Entscheidend dafür, dass der Auftraggeber zufrieden ist, sind allein Qualität und pünktliche Auftragserfüllung. Hier unterliegt Proviel den gleichen Kriterien wie jeder x-beliebige andere Zulieferer. Puky-Geschäftsführer Puslat blickt zufrieden auf die langjährige Zusammenarbeit zurück: »Bislang verlief unsere Geschäftsverbindung reibungslos." Das ist auch der Tatsache zu verdanken, dass alle Geschäftsabläufe und Qualitätsmerkmale nach ISO 9001 zertifiziert sind. 

 

Die Belegschaft wuchs ständig. Vor zwölf Jahren wurde Proviel gegründet. Damals startete die Produktion mit 60 Mitarbeitern, inzwischen werden 550 Mitarbeiter (einschließlich Fachpersonal) beschäftigt. Laut May ist das Ende des Wachstums aber absehbar: .In drei bis vier Jahren wird der regionale Bedarf gedeckt sein." Denn die Firmen hätten dann weitgehend alle Möglichkeiten ausgeschöpft. um Teile ihrer Produktion an Partner wie Proviel outzusourcen.

  

"Der Chinese im Tal." Zumal auch Teile der Öffentlichkeit die Entwicklung kritisch beäugen. May: "Einerseits findet unsere Arbeit Beifall. weil benachteiligten Menschen geholfen wird. Andererseits heißt es aber auch, dass über Proviel Menschen, die durch die Industriearbeit krank geworden seien, staatlich subventioniert zu Billig-Jobbern gemacht würden." So titelte das Wuppertaler Stadtmagazin vielsagend: "Der Chinese im Tal." Und in der Tat: Proviel konkurriert mit Low-Cost-Standorten rund um den Globus - wie China und Tschechien. Schließlich können sich die Wuppertaler trotz der öffentlichen Förderung dem Konkurrenzkampf nicht entziehen." Wir müssen 25 Prozent unserer Personalkosten selbst erwirtschaften", rechnet May vor. Die Finanzierung von Geräten wie Dreh- und Fräsmaschinen müsse Proviel sogar zu 100 Prozent selbst übernehmen. Dass in den Firmen knallhartes Kostendenken vorherrscht, bekommt May bei fast allen Vertragsverhandlungen zu spüren. Immer wieder müssen Zugeständnisse bei den Stundenlöhnen gemacht werden. In den vergangenen fünf Jahren seien die Erlöse, bezogen auf das Auftragsvolumen, um 30 Prozent gesunken, klagt der Proviel-Geschäftsführer. Dass Proviel den Wettbewerbsdruck so gut auffangen konnte, gelang laut May nur deshalb, weil die Behindertenwerkstätten in einer Art Netzwerk zusammenarbeiten. So kooperiert Proviel selbst direkt mit zwei Werkstätten der Lebenshilfe, in denen vornehmlich geistig Behinderte arbeiten. "Bei Proviel selbst arbeiten zu mehr als 80 Prozent psychisch Kranke, die in den allermeisten Fällen vor ihrer Erkrankung als Facharbeiter in Industrieunternehmen tätig waren", erläutert May. "Sonst könnten wir die hohen Qualitätsanforderungen gar nicht erfüllen." Weniger aufwändige Aufträge würden aber, nach Rücksprache mit dem Auftraggeber, an die beiden Partner abgegeben. Überregional koordiniert die Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen (GDW) das Zusammenspiel der Behindertenwerkstätten. May empfiehlt, bei Interesse an einer Zusammenarbeit zuerst bei der GDW anzufragen. Die ist bundesweit in sechs Schwesterorganisationen aufgeteilt, die eng miteinander kooperieren (www.gdw-sued.de). "Wir leiten Anfragen, die sich auf Regionen außerhalb unseres Gebietsbereichs beziehen, sofort an den zuständigen Schwesterverband weiter. Es gibt nahezu keinen Winkel in Deutschland, den wir nicht versorgen können", versichert Werner Block, Vorstand der GDW Süd, und fügt hinzu: "Wir sorgen auch dafür, dass der Kunde so schnell wie möglich ein Angebot erhält." May selbst hofft, dass der Wirtschaftsaufschwung den Auftragsboom für Behindertenwerkstätten noch weiter beflügelt: "Das kommt Proviel zugute, aber auch dem Erhalt von Arbeitsplätzen in Deutschland. Sonst würden noch mehr Unternehmen dem Standort D den Rücken kehren. Wir sind keine Job- Killer, sondern Job- Erhalter."

 

 

 

 

Porträt

 

"ARBEIT MUSS LEBENSKRAFT GEBEN“

 

 Susanne Wellner wirkt zufrieden und ausgeglichen. Niemand würde auf den ersten Blickvermuten, dass die 35-Jährige einen langen Leidensweg hinter sich hat. Schwere Depressionen zwangen sie vor 14 Jahren, ihren erlernten Beruf als Bäckerin aufzugeben. "Bei mir war es nicht die Arbeit, sondern persönliche Schicksalsschläge führten dazu, dass ich mich immer stärker abkapselte", erklärt die junge Frau. Sie machte eine Therapie, die ihr half, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dann ging es darum, wieder eine Perspektive zu haben und eine Arbeit zu finden, die ihr Spaß machte. "Dem zunehmenden Stress in meinem früheren Job als Bäckerin wäre ich nicht mehr gewachsen gewesen", sagt Susanne Wellner. Auch ihr Therapeut hatte sie davor gewarnt. Er empfahl ihr stattdessen eine Tätigkeit in einer Einrichtung, in der nicht die Leistungsfähigkeit eines Mitarbeiters im Vordergrund steht, sondern dessen Rehabilitation - wie Proviel. Inzwischen ist sie seit fast sechs Jahren mit dabei. Sie montiert Kinderroller für Puky. Die Arbeit macht Susanne Wellner Spaß: "Das Arbeitsklima ist prima", schwärmt sie. Sie ist engagiert. Daher wählten sie die Kollegenzum Werkstattrat. "Stress gibt es bei Proviel nicht." Dafür muss die junge Frau Abstriche beim Lebensstandard hinnehmen. Sie bezieht eine kleine Rente, und 350 Euro überweist Proviel jeden Monat. Dableibt, nach Abzug der Wohnungsmiete für ihr Ein-Zimmer-Apartment, nicht viel übrig. "Eine Arbeit machen zu können, die mir Lebenskraft gibt, ist mir wichtiger als Reichtum", sagt sie. Nicht verstehen kann sie Kritiker, die behaupten, Behindertenwerkstätten seien Job-Killer, weil sie der Konkurrenz zu Dumpingpreisen die Aufträge wegnähmen.

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Aktualisiert am: 06.10.2011