Solinger Morgenpost 04.01.2010
"Proviel" will Mirker Bahnhof übernehmen
VON RUTH HOFFMANN
WUPPERTAL Der Mirker Bahnhof in Wuppertal ist ein Schmuckstück, das schon lange auf die Rückkehr seines Glanzes wartet. Jahrelang hielt der Streit um die Immobilie jegliche Instandsetzung auf. Dabei handelt es sich um einen der ganz wenigen noch existierenden Jahrhundertwende-Bahnhöfe, die es noch in Nordrhein-Westfalen gibt. Der Bahnhof wurde 1882 gebaut und liegt an der stillgelegten „Rheinischen Bahnstrecke", die von der Wuppertal Bewegung in einen attraktiven Fuß- und Radweg verwandelt wird. Jetzt ging der
Mirker Bahnhof nach einer Zwangversteigerung in den Besitz der Wuppertaler Stadtsparkasse über, die die Immobilie aber weiterverkaufen will. Zu den Top-Interessenten gehört „Proviel", das Wuppertaler Lebenshilfe-Unternehmen für psychisch erkrankte Menschen. Wolfgang Nieder von der Rinke Connect GmbH, die „Proviel" zur Seite stehen, erklärt hierzu: „Ein Konzept für den Bahnhof als Tor zur Trasse ist angedacht Doch bevor wir konkret werden, müssen zunächst die Finanzierungsmöglichkeiten geprüft werden. Die Fördermöglichkeiten der Landesbetriebe müssen für 2010 gewährleistet sein. Doch auch dort wurde uns schon Interesse an dem Projekt bekundet. Insbesondere Projekte, die über das Handwerkliche hinausgehen, stehen dort im Kurs, weil sie die Mitarbeiter dichter an den ersten Arbeitsmarktbringen. Aber zusätzlich müssen wir auch bei Stiftungen vorstellig werden.“
Doch im nächsten halben Jahr sollte alles geklärt sein, so Nieder. Zunächst müsse die Finanzierung stehen, dann könne ein Konzept konkret ausgearbeitet werden, und danach könne man in Verhandlungen treten. Sollte „Proviel" den Mirker Bahnhof übernehmen, könnte die Nutzung unmittelbar an die geplante Nordbahntrasse gekoppelt werden. Es ist ein Fahrradverleih ebenso im Gespräch wie eine ausgefeilte Gastronomie. Gästezimmer sollen Radwanderern angeboten werden, und bei sonnigem Wetter kann eine Außenbewirtung auf dem natürlich unmittelbar an die Trasse anschließenden ehemaligen Bahnsteig einladen. Und innen soll bei jedem Wetter ein Restaurant Gäste anlocken.
Auch die schon im „Wartesaal 2. Klasse" agierende Tanzschule könnte in das Projekt eingebunden werden. Hier finden schon seit Jahren integrative Tanzkurse statt. Als der Vorbesitzer das ziemlich heruntergekommene Gebäude vor einigen Jahren kaufte, dachte er an eine Nutzung als Lagerhalle. Doch als er die mit schadhaften Platten vernagelten Wände näher in Augenschein nahm, schimmerten Kostbarkeiten durch: geschnitzte Balken und Decken, gemalte Bordüren und bunte, bleiverglaste Fenster. Der Mirker Bahnhof ist ein Denkmal der Baukunst aus der frühen Eisenbahnzeit und hat drei noch vollständig erhaltene Wartesäle. Der Wartesaal Erster Klasse kann mit seiner Holzkuppel und seinen Bleiglasfenstern mit manchem Kirchenschiff konkurrieren. Aber um den einst so repräsentativen Bau angemessen nutzen zu können, muss viel Geld hineingesteckt werden. Das hatte der Vorbesitzer nicht. Auch ein im Wartesaal 1. Klasse geplantes Theaterprojekt scheiterte, obwohl es mit rund 100 000 Euro von der NRW-Stiftung gefördert wurde. Geprüft wurde offenbar nichts: Das Geld ist verschwunden.