Westdeutsche Zeitung 23. April 2009
Werkstätten wollen Jobs aus dem Ausland zurückholen
KOMPETENZVERBUND BERGISCHE WERKSTÄTTEN Allein 2008 wurden sieben Millionen Euro investiert.
Von Klaus Koch
Die Botschaft des Kompetenzverbundes Bergische Werkstätten an die Industrieunternehmen der Region ist klar formuliert: „Wir bieten Investitionen an. Wir haben kein Liquiditätsproblem. Wir sind der ideale Partner für die Industrie."
Selbstbewusst verweisen die Geschäftsführer der fünf Werkstätten auf ihr Angebot: insgesamt hat der Verbund an fünf Standorten mehr als 46 000 Quadratmeter Produktions- und Logistikfläche zur Verfügung, mehr als 4500 Palettenstellplätze, fast 2800 Mitarbeiter und die Möglichkeit, diese Mitarbeiter zu schulen.
Investitionen für Maschinen
kann der Verbund übernehmen
Im vergangenen Jahr hat sich der Verbund nach Angaben von Proviel-Geschäftsführer Michael May so aufgestellt, dass es jetzt verstärkt darum geht, Arbeitsplätze wieder in die Region zurückzuholen. Das heißt: Unternehmen, die bislang Teile der Produktion oder der Montage ins Ausland verlagert haben, sollen Anreize bekommen, statt im Ausland in einer der Behindertenwerkstätten arbeiten zu lassen.
Eines der Argumente dieser Werkstätten: Lässt es sich wirtschaftlich darstellen, übernehmen die Werkstätten auch die Investition für eine neue Maschine. Ein Argument, dass gerade in schwierigen Zeiten mit etlichen Belastungen für die Liquidität der Unternehmen Gehör finden könnte.
Außerdem haben die Werkstätten im vergangenen Jahr rund sieben Millionen Euro (davon fünf Millionen in Gebäude) investiert, um den Ansprüchen der heimischen Unternehmen gerecht zu werden. Vor allem gilt es dabei, Platz für die Zwischenlagerung größerer Mengen zu schaffen. Im laufenden Jahr sind außerdem noch einmal Investitionen in Höhe von zwei Millionen Euro vorgesehen.
Natürlich hat der Verbund durch die Wirtschaftskrise auch Kunden verloren, die die Arbeiten in das eigene 1-laus zurückgeholt haben, um die eigenen Mitarbeiter beschäftigen zu können. Die Werkstätten haben aber auch 50 neue Kunden hinzugewonnen. Und wie May berichtet, kommen derzeit Gespräche mit Unternehmen zustande, die früher nicht daran gedacht haben, bei einer der Behindertenwerkstätten produzieren zu lassen.
15 000 Laserbeschriftungen
pro Tag in Wuppertal
Zu den Kunden zählen unter anderen Firmen wie Spiralbohrer- Hersteller Carl Koch, Automobilzulieferer Böco Bödecker & Co, Kortzenhach GmbH, Stannol, Zwilling, Puky, Joh. Herrmann Picard, Thyssen Krupp Materials Internation oder Ruco. Zu den Aufgaben der Werkstätten gehören Montage von Rollenbaugruppen, Zerspanen von Kolben für Hydraulikpumpen, Montieren von Zylinderrollenlagern, Laserbeschriftung oder zum Beispiel das Falten und Falzen von Spezialkartons.
Alles Aufträge, bei denen echte Volumina zusammenkommen: So wurden bei der Lebenshilfe i. Berg. Land Gmbh139 Millionen Einzelteile verarbeitet. Zwischen Oktober und Dezember montierte die Lebenshilfe Solingen mehr als 1,1 Millionen Hornhauthobel.
In Remscheid wurden 3,7 Millionen Farbscheiben kontrolliert und verpackt. In Wuppertal produzierten die Mitarbeiter mehr als 760 000 Fahrkartenhöllen. Proviel hat zudem im vergangenen Jahr täglich rund 15 000 Laserbeschriftungen auf Bohrer aufgebracht.
Es sind Vorgänge wie diese, die Michael May meint, wenn er erklärt, der Verbund sei auch für große Aufträge gewappnet.
UMSATZ
BEEINTRACHTIGUNGEN Der Kompetenzverbund beschäftigt 2800 Menschen, von denen mehr als 2300 mit einer Beeinträchtigung leben. Rund 500 davon sind schwerst mehrfach behindert. Der Verbund machte im vergangenen Jahr mehr als 45 Millionen Euro Umsatz.
BEDARF Die Zahl der Menschen mit psychischen sowie schweren Beeinträchtigungen wächst deutlich. So sind allein im vergangenen Jahr mehr als 120 zusätzliche Mitarbeiter in den Verbund gestoßen. Rund 20 Personen fassten auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß. Mehr als 60 Beschäftigte der Werkstätten arbeiteten nicht in den Räumlichkeiten des Verbundes, sondern an einem Arbeitsplatz des Kunden.
GEMEINNÜTZIG Die Werkstätten in
Wuppertal, Solingen, Remscheid und Wermelskirchen sind gemeinnützige Einrichtungen.